27.01.2009

Felix Walchshöfers ganz persönlicher Rennbericht: Mein erster eigener Challenge (mit Fotos)

Die Nacht vor dem Rennen fand ich keinen Schlaf. Zum einen war ich sehr nervös vor meinem "ersten eigenen Challenge" und zum anderen regnete es, genau wie in Roth, sintflutartig. Dies sollte also nun der Tag meiner ersten Langdistanz sein..

Begonnen hatte aber eigentlich alles am 22. oder 23. Oktober 2007, einer der letzten Nächte im Leben meines Dad. Ich fragte ihn damals, was er sich von mir in Zukunft erwarte. Einer seiner größten Wünsche war, dass ich unbedingt selbst an einem unserer Rennen teilnehme. Er meinte: "Erstens schadet es dir gar nicht, ein bisschen mehr Sport zu treiben, und zweitens ist es wichtig für deine Glaubwürdigkeit als Rennleiter und Veranstalter." Ab diesem Moment hatte ich ein letztes Versprechen gegenüber Herby einzuhalten.

Es vergingen einige Monate, in denen wir uns als Familie neu aufstellten und orientieren mussten: an Training war da nicht zu denken. Ich hatte weder den Kopf noch den Antrieb dafür. Aufgrund meiner Verantwortung beim Quelle Challenge Roth war die Teilnahme hier natürlich ausgeschlossen. Das nächstmögliche Rennen war also der Challenge Wanaka in Neuseeland. Nachdem in Roth das legendäre Feuerwerk startete und wir zusammen mit tausenden anderen Athleten, Fans und Einwohnern den Quelle Challenge Roth 2008 beschlossen hatten, reifte in mir die Idee, es jetzt endlich anzugreifen.

Einige Tage später rief ich Susanne "Susa" Buckenlei vom Professional Endurance Team an, unseren Partnern in Sachen Training, Trainingslagern, Leistungsdiagnostik, etc., und bat um einen Termin am nächsten Tag. Sie dachte erst, sie hätte einen Fehler auf der Messe oder im Umfeld der Veranstaltung gemacht. Umso erstaunter war ihr Gesichtsausdruck, als ich ihr sagte, ich wolle wieder mit Triathlon anfangen. Sie fand die Idee ganz gut, allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als ich ihr mitteilte, dass ich  im Januar 2009 in Wanaka starten wolle. Nach etwa einer Stunde Überlegung versprach sie mir, dass wir es zumindest versuchen könnten. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an Susa, da ich weiß, dass sie und Matthias Fritsch als seriöse Trainer eine viermonatige Vorbereitung auf eine Langdistanz normalerweise niemals machen würden.

Somit hatte ich also eine Trainerin, damit einen guten Plan, und so fehlte nur noch das Equipment. Auch dieses Problem hatten wir unter Susas Anleitung ziemlich schnell im Griff (ich werde niemals Fritz Buchstallers Gesichtsausdruck vergessen, als wir bei ihm im Laden aufgeschlagen sind, um die Ausstattung zu besorgen). Fritz machte das Unmögliche möglich, und ich hatte binnen weniger Tage mein Fahrrad. Dann ging es also los, und die Monate sind nur so verflogen. Manchmal habe ich mich heimlich amüsiert über Athleten, die es als unmöglich befanden, sich im kalten Winter auf Wanaka vorzubereiten. Das Wetter hat in Deutschland fast immer mitgespielt, und mit der richtigen Ausrüstung stellte es weniger Probleme dar, als ich gedacht hatte. So ging es also in großen Schritten auf den 26. Dezember 2008 (Abflugtag) zu. Bis dahin wussten von meinem Vorhaben nur meine Familie sowie Susa und ihr Team. Ich hatte im Vorfeld Angst, dass ein Start verletzungsbedingt unmöglich wäre.  Außerdem war es für mich doch ein sehr persönlicher Grund, weshalb ich mich zu diesem Wagnis entschied. Nicht einmal mein engster Freundeskreis, das Orga-Team in Wanaka oder das Büro in Roth wussten etwas. Kurz vor dem Abflug hatte sich dann allerdings noch ein gravierendes Problem aufgetan. Mein linkes Knie war durch die Beanspruchung stark geschwollen und schmerzte. Dank meines Physios Jörg Brenn sowie weiterer Behandlungen in Wanaka bekam ich dieses Problem doch noch in den Griff.

Erstaunte Gesichter  
In Wanaka verbrachte ich die ersten zwei Wochen bei Victoria Murray-Orr, Veranstalterin des Challenge Wanaka. Obwohl ich samt Fahrrad und jeder Menge Sportklamotten im Gepäck ankam, merkten weder sie noch ihr Mann Jeremy, dass ich teilnehmen würde. Das verwunderte mich schon, da gerade Jeremy selbst für das Rennen trainierte - und das täglich ein paar Stunden zusammen mit mir. Die Taperphase begann, und ich beschloss, noch für ein paar Tage nach Nelson zu fliegen. Dort traf ich auf Susa, Michi und Jakob Buckenlei. Das war für mich eine gelungene und wichtige Abwechslung.

Zwei Tage vor dem Rennen war es dann endlich soweit. Susa, Michi und Jakob waren wieder in Wanaka. Ich war glücklich, dass meine Mutter Alice und meine Schwester Kathrin aus Singapur eingetroffen sind. An diesem Abend haben wir uns alle auf der Pastaparty getroffen. Anschließend war ein kleines "Get-together" mit Wettkampfleitern, Top-Athleten und Freunden geplant, um meinen Start beim Challenge Wanaka zu verkünden. Die Gesichter werde ich niemals vergessen. Victoria konnte es erst nach mehreren Minuten glauben, und die Tops waren erst mal still. Nun ging es also endlich los, ich wusste, dass mich nun nichts mehr stoppen könnte, auch wenn ich auf allen Vieren ins Ziel krabbeln müsste.  

Der Renntag
Nach einem kleinen Frühstück (Toast mit Butter und Salz, wie von meinem Coach vorgeschrieben) ging es Richtung Start/ Wechselzone in Wanaka. Nachdem das Rad startklar war, fehlten nur noch Susa und Michi. Er sollte mir das lädierte Knie tapen. Michi hatte bis dato seine Uhr noch nicht umgestellt, so dass diese erst um 17.Uhr nachmittags Alarm schlug und nicht wie gewünscht um fünf Uhr morgens. Ich fand das relativ amüsant, seine Freundin Susa jedoch weniger. Alles ging ziemlich schnell, und ich war binnen weniger Minuten getaped, mit Vaseline eingeschmiert und steckte im Neo.

Dann ging es im Laufschritt zum Schwimmstart. Aufgrund des Regens war es windstill und es gab keine Wellen, was für Wanaka doch ziemlich erstaunlich ist (im Training wurde ich schon mal vom Fahrrad geblasen). Endlich ging es los, und da ich mich sehr weit links aufgestellt hatte, war der Schwimmstart ziemlich leicht. Nach rund hundert Metern kamen dann allerdings plötzlich ziemlich große Wellen auf, und ich dachte erst, dass die Boote daran schuld waren. Allerdings war es leider der "Northwesterly", der plötzlich loslegte. Dieser Wind vertrieb zwar den Regen, bescherte uns aber hohe Wellen, was uns im weiteren Verlauf des Tages den Radpart zur Qual werden ließ. An eine Schwimmzeit unter 1:10 war also nicht mehr zu denken...

Der Wechsel war relativ problemlos. In der Wechselzone standen noch ziemlich viele Räder, was mich verwunderte, denn offensichtlich war ich gar nicht so schlecht geschwommen. Bis km 90 hatte ich ziemlich großen Spaß. Michi musste mich zeitweise bremsen, sonst wäre ich wohl geplatzt.

 

 

In Cromwell drehten wir dann aber in den Wind ein und konnten teilweise nur 10 km pro Stunde fahren. Dabei verflog mir ziemlich schnell die Laune. Jetzt ging also die Schinderei richtig los. Erfreulicherweise sah ich in regelmäßigen Abständen meine Familie und Michi, die unter anderen an Ihren T-Shirts erkennbar waren ("Felix, yes you can!"). Die Kiwis müssen gedacht haben, die Deutschen sind betrunken, da das Anfeuern der Athleten in Neuseeland eher zurückhaltend ist. Ganz im Gegenteil zu Roth-erprobten Fans.

Endlich, nach 6:44:41 Stunden und ungefähr sechs Pinkelpausen später, kam ich in die Wechselzone und musste feststellen, dass die Beine auf dem Rad für einen guten Lauf zu viel gelitten hatten. Die Disziplin, auf die ich mich am meisten gefreut hatte, drohte nun doch zur Qual zu werden. Egal - Hauptsache, nicht gehen.

 

 

Die Laufstrecke hat dann trotz einer langsamen Zeit (oder vielleicht gerade deswegen) viel Spaß gemacht. Hunderte von Einwohnern befanden sich mit Gartenschläuchen bewaffnet, mit Freunden rund um ihre Barbecues und zum Teil verkleidet auf der Laufstrecke. Als Hillary Biscay mich überholte, blieb sie stehen und umarmte mich. Sie war schon auf dem Weg Richtung Ziel, während ich noch eine Runde zu laufen hatte. Danke Hillary, du hast mich echt angetrieben! Der für mich schönste Moment im Rennen kam in Runde zwei an der berüchtigten "Gun Road" (Vergleich: Kalvarienberg Roth - nur auf der Laufstrecke), als mich eine Athletin in ihrer ersten Runde überholte. Sie klopfte mir auf die Schultern und sagte, dass sie als Dank mit mir den Berg hoch laufen würde. Letztes Jahr wollte sie nämlich genau an dieser Stelle aufgeben und ich bin als Rennleiter mit ihr hoch. Dafür war sie scheinbar so dankbar, dass ich nicht alleine die Gun Road gelaufen bin - ein großes Glück.

 

 

Ab km 38 bin ich eigentlich nur noch "geflogen". Als ich schließlich auf der Zielgeraden einbog und alle Topathleten mit Luftballons auf mich warteten, schossen mir Freudentränen in die Augen. Ich fühlte mich zurückversetzt in all die Jahre, in denen ich als kleiner Junge selbst mit Luftballons den Siegerinnen und Siegern von Roth hinterherlaufen durfte. Verkehrte Welt! An diesem Tag gaben sie mir die Ehre bei meinem ersten Finish.

 

 

Das Gefühl war überwältigend, in Wanaka, dem ersten Ableger von Roth, zu finishen. Sämtliche Freunde aus Neuseeland waren da, unsere Crew, meine Familie und Freunde. Das war unglaublich schön. Es ist schließlich eine 13:27:37 Zeit geworden, was mich ziemlich zufrieden stimmt, vor allem, weil Susa mit 13:30:00 Stunden bei perfekten Bedingungen gerechnet hatte. Heute bin ich glücklich und stolz, endlich einer von euch zu sein.

Alleine hätte ich das nie geschafft, und deshalb möchte ich mich von Herzen bei Einigen dafür bedanken. Vielen Dank an Mum für alles und vor allem für das "Hundesitten" von Hugo. Danke für die Präsidentin meines "Fanclubs" Kathrin, Susa und Michi, ohne die ich garantiert nicht an der Startlinie gestanden hätte, Jackel für die letzten Schwimmeinheiten, Hermann Knoll, unserem Wettkampfleiter aus Roth, der mir das Schwimmen wieder beibrachte, Fritz Buchstaller und sein Team in Hilpoltstein, die mir bis Weihnachten noch das neue Challenge Roth-Bike fertig gestellt haben, Victoria Murray-Orr sowie dem ganzem Team aus Wanaka für die perfekte Organisation, meinem guten Freund Troy Campbell, der darauf achtete, dass die Finisherparty wieder einmal rockte, den Tops für den herzlichen Empfang sowie Wanaka, der wohl ausgeflipptesten und herzlichsten Gemeinde in Neuseeland. Und ein besonderer Dank gilt meinem Dad, denn ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

 

 

See you in 2009!

Mit sportlichen Grüßen

Euer Felix            

 

(Alle Fotos: Alison Kay, marathonphotos) 

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