Rennen in | 12. Juli 2009
 
 
 
 
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Christian Sterr: Das Ziel muss positiv formuliert sein

von H. Eggebrecht für tri2b.com

3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,2 km Laufen - eine extreme Herausforderung für den Körper und den Kopf. Zwar antwortete Thomas
 Hellriegel einmal ganz trocken auf die Frage, was man in einem Ironman so denke, mit - „ob die  Sonnenbrille richtig sitzt.“ Doch gerade wenn sportliche Höchstleistungen erbracht werden sollen, spielt die richtige mentale Einstellung eine entscheidende Rolle für den Erfolg. tri2b.com hat sich mit Christian Sterr, der in München als Führungskraft im IT-Bereich eines international tätigen Unternehmens arbeitet und im spomedis Verlag das Buch „Mentaltraining im Sport“ veröffentlicht hat, über die psychischen Besonderheiten bei einen Langdistanzrennen unterhalten.


tri2b.com: In Gesprächen unter Langdistanz-Triathleten fällt oft die Floskel: Beim Laufen ist es einfach Kopfsache. Was ist an dieser Aussage wirklich dran?
Christian Sterr (C.S.): Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang. Je länger die Wettkampfstrecke ist, desto mehr passiert in dieser Zeit auch im Kopf des Athleten. Insofern spielt die psychische Verfassung auf der Landistanz sicher ein größere Rolle, als bei einer Sprintdistanz. Allerdings bringt die richtige mentale Einstellung nichts, wenn vorher nicht mit traditonellem Training die Leistungsfähigkeit entsprechend gut trainiert wurde. Darunter ist die Entwicklung der konditionellen Fähigkeiten - Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit - gemeint, wobei bei Langstreckenrennen Ausdauer und Kraft eine entscheidende Rolle spielen.

tri2b.com: Ein weiteres Problem für Langstreckler ist, dass sie sich oft ein dreiviertel Jahr auf den Tag X vorbereiten. Ein Tag, eine Chance. Viele plagt, je näher der Wettkampf rückt, die Angst, dass etwas Unvorhersehbares passiert, das Material versagt, eine Erkältung einen Strich durch die Rechnung macht. Wie sollten Athleten damit umgehen?
C.S.: Setzen Sie sich im Vorfeld mental damit auseinander, welche Ereignisse eintreten könnten und wie Sie im Fall der Fälle damit umgehen. Mental gut vorbereitet zu sein, bedeutet, niemals von irgendetwas überrascht zu sein. Entwickeln sie vorher Handlungsstrategien, damit es im Rennen zu keiner Blockade kommt. Beispielsweise könnten sie Gehpausen bei den Verpflegungstellen einlegen, um dann wieder bis zur nächsten zu laufen. Eine Zielformulierung wie „Wenn es nicht zu heiß ist, dann schaffe ich eine gute Zeit", klingt schon nach einer Entschuldigung. Formulieren Sie ihr Ziel so, dass die Verantwortung für die Zielerreichung klar bei Ihnen liegt: "Ich komme auch bei heißem Wetter anständig ins Ziel“, wäre der entsprechende Leitsatz.



tri2b.com: Bei einem Langstrecken-Triathlon wie in Roth oder Frankfurt gehen mehrere tausend Athleten an den Start - mit den unterschiedlichsten Zielen - eine neue Bestzeit aufstellen, den Vereinskumpel schlagen oder einfach nur die Finishline sehen. Wie wichtig ist die Zielstellung und wie wählt man ein Ziel richtig aus?
C.S.: Es ist ausgesprochen wichtig, das Ziel positiv zu formulieren. Unser Bewusstsein registriert beim Ziel „Ich will nicht aufgeben“ nur das Ende, nämlich "aufgeben". Besser wäre es, „Ich laufe ins Ziel“ zu verwenden. Außerdem sollte das Ziel möglichst konkret und bewertbar formuliert sein. Neben einer Orientierung an Zeit und Platzierung kann auch die Qualität der Leistung in die Zielformulierung miteinbezogen werden: „Ich habe Spaß am Rennen und laufe mit Leichtigkeit ins Ziel.“ Es sollte anspruchsvoll sein, aber auch eine reele Chance bieten, erreicht zu werden. Zu hoch gesteckte Ziele können blockieren, nach dem Motto: „Das schaffe ich eh nicht.“

tri2b.com: Wenn man so lange auf ein Ziel hintrainiert, dann ist es ganz normal, dass in den letzten Wochen vor dem Rennen von Tag zu Tag die Nervosität steigt. Bis zu einem gewissen Grad ist das sicher auch leistungsfördernd. Welche Tipps gibt es für Athleten, die in dieser Phase zu stark mit sich hadern?
C.S.: Ein Rückblick auf die erfolgreiche Vorbereitung hilft ihnen. Das schafft Sicherheit und Zuversicht. Rücken Sie in dieser Phase das vielleicht schon lange vorher formulierte Ziel wieder in den Mittelpunkt. Gönnen Sie sich erfolgreiche, mentale Zielankünfte. Spielen Sie Ihre Zielankunft immer wieder im Kopf ab. Entspannen und konzentieren sie sich durch Yoga, autogenes Training oder muskuläre Entspannungsübungen.


tri2b.com: Was ist denen zu raten, die auf die Trainingsumfänge der Konkurrenz schauen und dann ein schlechtes Gewissen plagt?
C.S.: Klar müssen für bestimmte Leistungen bestimmte Trainingsumfänge absolviert werden. Athleten, die immer wieder auf die Konkurrenten schauen, anstatt bei sich zu sein, sollten diese Verhaltensweise mal grundlegend hinterfragen. Ist das vielleicht auch in anderen Lebensbereichen so? Hier ist es wichtig, selbstbewusst und selbstsicher zu werden.

tri2b.com: Einen Schritt weiter. Wie schaut es nach dem Wettkampf aus. Viele fallen nach der Finishline und der Zielereichung sprichwörtlich in ein mentales Loch?
C.S.: Es hilft, das Rennen nochmals Revue passieren zu lassen. So können Sie möglichst viel für die nächste Aufgabe mitnehmen. Betrachten Sie den Wettkampf dabei immer auf zwei Arten. Erinnern Sie einen guten Wettkampf auf jeden Fall assoziiert. Erleben Sie ihn ganz bewusst und mit all ihren Emotionen. Nichts motiviert mehr für das nächste Ziel als der Erfolg. Nehmen Sie bei einem schlechten Wettkampf eine neutrale und sachliche Beobachterrolle (dissoziiert) ein. Sie wollen herausfinden, was das Problem war und nicht ihre Gefühle des Misserfolges verstärken. Natürlich braucht der Kopf ebenso wie der Körper eine Erholungsphase nach einem Langdistanzrennen. Es spricht nichts dagegen, sofort neue Pläne zu schmieden, da ein erfolgreich erreichtes Ziel sehnsüchtig nach neuen Herausforderungen macht. Allerdings sind die ersten Wochen nach einer solchen Rennbelastung entsprechend der traditionellen Trainingslehre mit leichtem Training zu gestalten.



 
   
     



 
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